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Die Eroberung der Finsternis  
Teil 4: DAS LURGROTTEN-DRAMA 1894

Das seltene Schauspiel, daß ein Bach oder Fluß in einem Berg verschwindet, ist bei Semriach in der Steiermark zu besichtigen.  Wie ein riesiges Tor in die Unterwelt überspannen Halbhöhlen in einem Berghang die sogenannte Schwinde des Lurbachs, der sich rasch  in dunklen Klüften verliert. Die Semriacher Lurgrotte ist, das weiß man heute, ein zumeist  trockenliegendes Höhlensystem aus Tropfsteingängen und -hallen, dessen Hauptstrecke mehr als 5 km lang ist. 

Auf der anderen Seite des Berges tritt der Lurbach wieder ans Tageslicht und hat einen Höhenunterschied von 230 Metern  unter der Erde hinter sich gebracht. Das wußte man um die Jahrhundertwende  alles noch nicht. 

Zwei Vereine, die 1891 gegründete "Gesellschaft für Höhlenforschungen in Steiermark"aus Graz und die sogenannten "Schöckelfreunde"in Semriach, benannt nach dem beherrschenden Bergrücken der Gegend, hatten seit 1893 das Lurloch des öfteren besucht und dabei nicht nur die drei großen Räume der Vorhalle, sondern auch deren Nebenspalten immer eingehender durchforscht. 

Im März des Jahres 1894 waren den Grazer "Höhlenforschern" unerwartete Erfolge beschieden. Von niedrigem Wasserstand begünstigt drangen zwei von ihnen durch eine Engstelle, einen sogenannten Schluf von 40 Zentimetern Höhe und fünfeinhalb Metern Länge, etwa 70 Meter hinter dem Einfluß des Lurbaches in die Lurgrotte vor. Sie folgten einem dahinter schräg ansteigenden 7 Meter langen Kamin und gelangten in zwei große Felsensäle. Wenig später entdeckten Mitglieder der "Gesellschaft für Höhlenforschungen"  zusätzliche Gänge und schließlich einen tropfsteingeschmückten Saal, den sie den "Großen Dom" nannten, der mit seiner Länge von 130, seiner Breite von 80 und seiner Höhe von 40 Metern zu den größten bekannten Höhlenräumen der Welt  gezählt werden darf. Eine Sensation. 

Aufsehenerregende Berichte über die Entdeckungen der "Höhlenforscher" in den Grazer Zeitungen ließen nun die"Schöckelfreunde"in Semriach  nicht ruhen. Sie suchten fieberhaft nach dem neuentdeckten Eingang in die Lurgrotte, fanden ihn aber nicht. Am 25. April 1894 beobachteten sie heimlich drei Grazer Höhlenforscher und fanden so heraus, wo sich der Einschlupf zu den Grotten der Bachhöhle befand. Jetzt gab es kein Halten mehr. Schon zwei Tage später führten die Schöckelfreunde sieben Semriacher Bürger im Triumph in die neuentdeckten Höhlenräume. Einer von ihnen, der Pfarrer Gasparitz, war zu beleibt, um sich durch den engen Schluf zu zwängen. Während er also draußen wartete, sah er sich den Eingangsbereich der Lurgrotte sorgfältig an und prägte sich ein, wo die anderen im Berg verschwunden waren. Seine genaue Erinnerung sollte sich schon Tage später als lebensrettend erweisen. 

Die Schöckelfreunde bekamen irgendwie Wind von dem Plan der  Höhlenforscher, die Lurgrotte am 29.April zu befahren, um die Forschungen fortzusetzen. Um die Expedition der Gegener zu vereiteln, verstopften sie am 28. April den Eingangsschluf mit Geröll und Astwerk. Und das hatte katastrophale Folgen. 

Den Höhlenforschern nämlich waren mittlerweile die wetteifernden Bemühungen der Schöckelfreunde bekannt-geworden und sie hatten sich entschlossen, einen Überraschungsschlag zu führen. Sie starteten  ihre Expedition nicht erst am 29.April, sondern schon in der Nacht davor. 45 Minuten nach Mitternacht stiegen sie, sieben an der Zahl, in die Höhle ein. 

Hier der Bericht über das, was sich in den nun folgenden achteinhalb Tagen innerhalb und außerhalb der Lurgrotte abspielte. Aufgezeichnet von unmittelbar Beteiligten. 

Innen  
Sonntag, 29. April 1894. Dreiviertel Stunden nach Mitternacht entzünden wir am Eingang des Lurloches die Kerzen. Der Lurbach steht niedrig. An Ausrüstung haben wir ein 50 Meter langes Seil, zwei kurze Seile mit Feuerwehrgurten, einen Schlägel, einen Meißel, einen Kompaß und ein Thermometer mitgebracht. Durch Gänge und Hallen dringen wir etwa 600 Meter in das Berginnere vor, wobei wir jeden sich zeigenden Spalt untersuchen. Immer schönere Tropfsteingebilde enthüllen sich unseren Blicken, bis ein gähnender Abgrund, in dessen Tiefe wir Wasser brausen hören, unserem Vorstoß ein Ende setzt. Wir kehren um. Fölzmann und Oswald, die voraus sind, rufen uns plötzlich zu, daß der Eingangsschluf durch Baumäste, Rasenstücke und Wasser verschlossen sei. 

Außen   
Im Laufe des Sonntags tritt in Semriach ein Landregen ein. Nachmittags und die ganze folgendeNacht regnet es; Mit kurzen Unterberechungen sehr heftug. Der Lurbach beginnt fürchterlich zu rauschen und überschwemmt das Ufergelände. In Semriach kann niemand vermuten, daß sieben Menschen im Lurloch gefährdet sind. 

Innen  
Wir versuchen, den Ausgang freizulegen. Es ist vergeblich, wir müssen warten, bis die Flut sich verlaufen haben würde, was bestimmt innerhalb weniger Stunden erhofft werden kann. Wir sehen uns nach einem Platz für die Nachtruhe um. Niemand ahnt die drohende Gefahr - bloß verdrießlich istes, daß unsere Angehörigen in Graz umsonst zum Bahnhof kommen, um uns abzuholen. 

Trotz der ungewohnten Lage auf dem feuchten Felsboden schlafen wir nach der langen Forschungstour vortrefflich. 

Zweiter Tag.   
Außen   
Um 3 Ur früh bringt ein Bote dem Pfarrer Gasparitz ein Telegramm aus Graz: "Bitte sofort der im Lurloch gefährdeten Höhlenforschungsgesellschaft Hilfe leisten durch Tieferlegung des Baches" Die Depesche ist von Frau Zweyer, der Gattin eines der Eingeschlossenen,  aufgegeben worden. Pfarrer Gasparitz verständigt den Bürgermeister und die Feuerwehr, die unverzüglich zum Lurloch ausrückt und mit der Arbeit im Bachbett beginnt. Nach dem Kirchgang finden sich viele Leute aus Semriach mit Werkzeugen ein. Der Höhlenforwscher Max Brunello und Frau Zweyer treffen beim Lurloch ein. Brunello unternimmt ungesäumt tollkühne Rettungsversuche, Frau Zweyer steht weinend und händeringend unter dem wassertriefenden Höhlenportal. 

Innen   
Nach dem Erwachen eilen wir zum Kamin. Schrecken erfasst uns. Das Wasser ist noch gestiegen. Die Stimmung sinkt, doch bemühen wir sie, durch Gesang und Scherzworte zu erheitern. 

Die kargen Proviantreste teilen wir in Rationen für zwei Tage. Auch mit den Kerzen beginnen wir, äußerst haushälterisch umzugehen. 

Außen   
Ein Kistchen mit Lebensmitteln und Kerzen, sowie ein Fä0ßchen Wein, beide an einer langen Leine befestigt, werden in die trüben Bachfluten geworfen, die sie den Eingekerten zuspülen sollen. Die reißenden Wellen stoßen die Frachtstücke wie Spielbälle hin und her. 

Der Bezirkskommissär billigt den von Pfarrer und Bürgermeister angeregten Entschluß, drei Verhaue zur Stauung des Wasssers anzulegen. Als man an die Ausführung schreitet, öffnet der Himmel alle Schleusen. Die im Bachstollen beschäftigten Männer müssen sich schleunigst zurückziehen. 

DritterTag.   
Innen   
Der  erneute Versuch, den Schluf auszuräumen, mißlingt. Nun sinkt die Stimmung immer tiefer. Zu ersten Mal wird die Befürchtung laut, daß wir uns auf eine längere Gefangenschaft gefaßt machen müssen. 

Mittags verzehren wir kleinmütig die letzten Überbleibsel unseres Mundvorrates. 

Außen   
Am Morgen wird wahrgenommen, daß sich das Kistchen von der Leine losgerissen hat. Man füllt fünf Blechbüchsen mit Schokolade, harten Eiern, Semmeln, Kerzen und Feuerzeug und wirft sie in den Bach. 

Der von seiner Exzellenz, dem Herrn Statthalter entsendete Oberingenieur Pirner erscheint und unterrichtet sich über die örtlichen Verhältnisse, die er für äußerst schwierig erklärt. Pirner ordnet Sprengungen an. 

Abends beginnen Feistritzer Bergknappen nit der Sprengarbeit; leider nicht ganz an der richtigen Stelle, weil die Bachwogen kaum 20 Zentimeter Raum bis zur Stollendecke freilassen. 

Dichter Regen verengt den Luftraum im Stollen noch mehr. 

Oberingenieur Pirner ersucht die Bezirkshauptmannschaft telegrafisch um Beistellung eines Tauchers. 

Vierter Tag.   
Innen   
Das Wasser im Kamin ist bedrohlich gestiegen. Wir besitzen nur noch 3 Kerzen. 

Mittags haben wir wieder keine Nahrung, der Hunger peinigt uns vorläufig nicht all zu arg, doch wirkt schon das Bewußtsein, nichts zu Essen zu haben, niederdrückend. 

Still und fast schon verzweifelnd sitzen wir im Dunkel beisammen. Die Kerze haben wir der Ersparnis halber gelöscht. 

Außen   
Nachdem einige Schwierigkeiten mit den Grundbesitzern beigelegt sind, wird mit dem Aufwerfen von Dämmen begonnen. Sie sollen das Wasser solange stauen, bis der Schluf gefunden und die Eingekerkerten herausbefördert sind. 

Ein Telegramm aus Graz sichert den Grundbesitzern Entschädigung für alle Flurschäden zu. Telegrafische und briefliche Ratschläge mehren sich. Viele Hörer der Technischen Hochschule in Graz beteiligen sich an dem immer schwieriger werdenden Rettungswerke. 

Innen   
Drei von uns steigen zum Lurbach hinunter. In den reißenden Fluten sehen sie eine mit einem Strick umwundene Kiste schwimmen. Der Fund wird geborgen und ausgepackt. Zu unserer größten Freude können wir der Kiste ein tüchtiuges Stück Käse, Schinken, drei kleine Würste, etliche leider ganz zerweichte Semmeln und zwei Pakete Kerzen entnehmen. 

Wir teilen den uns auf solche fast  wunderbare Weise zugekommenen Proviant in Rationen für sechs Tage. 

Außen   
Um 8 Uhr abends trifft der aus Triest telegrafisch herbeigerufene Taucher mit zwei Gehilfen in Semriach ein. Der 13 Zentner schwere Taucherapparat war von vier starken Pferden über den steilen Berg heraufgezogen worden. 

Fünfter Tag.   
Außen   
Früh morgens beginnt der Taucher, angetan mit dem 80 Kilo schweren Anzug, seine Rettungsversuche. An der Vorderseite des Anzugs ist, in eine Schweinsblase gehüllt, eine Glühlampe befestigt, welche mit dem vor dem Stollenausgang aufgestellten, Akkumulatoren verbunden ist. Auf Haupt und Schultern, die große Maske tragend, und eingezwängt in das enge Bett des Höhlenbaches, mühsam auf dem Rücken rutschend, holt er sieben Baumstämme aus dem Stollen. 

In dem niedrigen Raum ist das Leben des Tauchers gefährdet. Mittags muß er, völlig erschöpft, auf eine Fortsetzung seiner Tätigkeit verzichten, und abends tritt er die Rückreise nach Triest an. 

Innen   
Die Stimmung beginnt wieder, gedrückt zu werden. Namentlich Meier und Haid zeigen körperliche und seelische Ermattung. Da wir alle naß sind, machen wir mit aus dem Bachbett genommenen Holzstücken Feuer an, um uns daran zu trocknen. 

Außen 
Mittags trifft die Pionierabteilung des k.u.k Infanterieregiments 47 ein. Erst jetzt, wo hunderte von rastlosen Händen mit Hauen, Hacken, Sägen, Schaufeln und Schlägeln zugreifen, kann man die baldige Fertigstellung der Dämme erhoffen. 

Besonders schwierig ist die Frage der Verpflegung, weil man in Semriach auf eine solche Menschenmenge, die noch durch einen Andrang teilnahmsvoller Zuseher vermehrt wird, nicht vorbereitet sein konnte. 

Während der Nacht regnet es abermals heftig. 

Sechster Tag.   
Außen   
Vormittags klärt sich das Wetter ein wenig. Bei einer kurzen Probeschließung der Dämme muß man wahrnehmen, daß sie nicht ganz verläßlich sind. Die Arbeiten am Vorstollen werden während des ganzen Tages und der Nacht rege fortgesetzt. Die Techniker und Bergknappen werden zu diesem Behuf von Soldaten abgelöst. 

Innen   
Nachmittags, wir waren schon wieder dem Verzweifeln nahe, ertönt plötzlich der Knall eines Schusses. Sofort ändert sich unsere Stimmung. Wir waren also doch nicht verloren gegeben worden, man arbeitete an unserer Rettung. 

Siebter Tag   
Außen   
Anderthalb Stunden nach Mitternacht regnet es in Strömen. Gegen Tagesanbruch heitert sich der Himmel etwas auf, aber nur, um sich bald wieder zu verdüstern. Um 8 Uhr entfesselt sich ein Wolkenbruchartiger Gewittersurm mit Hagelschauern. An eine Schließung der Dämme ist wegen des gewaltigen Wasserdruckes nicht zu denken. 

Um 3 Uhr nachmittags ist der Vorstollen zum Schluf endlich freigemacht und die Sprengarbeiten werden fortgesetzt. Merkwürdigerweise ist die gänzlich verschwemmte Schluföffnung nicht zu finden. Die Macht des Hochwassers hat das Bild verändert. Doch Pfarrer Gasparitz hat sich die Örtlichkeit so gut eingeprägt, daß er die Richtung des geplanten Rettungsstollens mit Sicherheit angeben kann. Die vom edelsten Eifer für das Rettungswerk beseelten Bergknappen widmen sich nun mit voller Kraft den Sprengungen. 

Innen   
Von nun an hört das Schießen nicht mehr auf, sodaß wir uns an die dumpfen Schläge ebenso gewöhnen, wie etwa die Einwohner einer belagerten Stadt. 

Achter Tag.   
Außen   
Zeitig morgens kommt der als erfahrener Höhlenforscher rühmlich bekannte K. u. K. Forstinspektionsadjunkt Puttick  in Semriach an. Er sit mit zweckmäßigen Mitteln reich versehen , gewinnt rasch alle Herzen und belebt unsere schon sehr tief gesunkene Hoffnung. 

Innen   
Der Tag vergeht in Hoffen und Harren ohne besondere Vorkommnisse. 

Außen   
In der Nacht gibt seine Exzellenz, der Herr Statthalter, dem Tischlergehilfen Rudolf Fischer die Erlaubnis, Rettungsversuche im Tümpel anzustellen. 

Neunter Tag.   
Außen   
Gegen 11 Uhr läßt Fischer sich anseilen und steigt ins Wasser, das ihm freilich nur bis ans Knie reicht, weil die Dämme bereits geschlossen sind. Im Schluf zieht Fischer mit einem kräftigen Ruck einen den Kamin versperrenden Baumstrunk heraus. Eine kleine Öffnung zeigt sich, ein Lichtschimmer blitzt hervor, und im nächsten Augenblick hört man aus dem Höhleninneren  vernehmliche Rufe. 

Fischer und seine Begleiter sind freudig ergriffen. 

Innen   
Voll ungestüm eilen wir dem Kamine  zu und hören eine Stimme von draußen zu uns hereinrufen. Nach einer Weile werden uns zehn Flaschen heiße Milch und Cognac und zwei Pakete Kerzen heraufgereicht. Es wird uns bedeutet, uns wieder nach hinten in die Höhle zurückzuziehen, weil noch einige Sprengungen nötigseien. Während der letzten Studen unserer Gefangenschaft sitzen wir singend und jubelnd beisammen. 
 

Als die Geretteten kurze Zeit später die Höhle verlassen, werden sie von einer begeisterten Menge begrüßt. Doch dann entschlüpft einem der Höhlenforscher, auf die Frage, wie es war, ein verhängnisvoller Satz. "So a Hetz woa no net do."  - Auf Neudeutsch etwa "Was ´ne Äktschn!" Das hätte er mal besser für sich behalten, denn der Spruch tauchte natürlich sofort in allen Zeitungen auf und ließ die Stimmung der Öffentlichkeit abrupt umschlagen: Aus der ursprünglichen Heldenverehrung und dem überschwenglichen Mitgefühl wurde Entrüstung und leidenschaftliche Empörung. Aus Menschen, der Forschergeist und Opferbereitschaft eben noch bewundert worden waren, wurden schlagartig verantwortungslose Abenteurer und Draufgänger, die nicht nur sich, sondern auch andere mutwillig in Gefahr für Leib und Leben gebracht haben 

Dieses Schema hat sich bei allen Höhlendramen der mehr als 100-jährigen Geschichte der Speläologie, und das waren  nicht wenige, regelmäßig wiederholt.