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Die Eroberung der Finsternis  
Teil 7: Auf Rekordjagd unter der Erde  

Die Höhlenforschung ist mit dem Bergsteigen verwandt - und so gibt es hier wie da die Neigung, Superlative an die große Glocke zu hängen. Beim Bergsteigen geht es um die höchsten Gipfel oder die schwierigsten Aufstiege - unter der Erde zählen Längen und Tiefen: mit Akribie vermessen Höhlenforscher weltweit ihre Entdeckungen, wovon die Öffentlichkeit allerdings nur in den seltensten Fällen Notiz nimmt. In die Schlagzeilen kommen Höhlenforscher vor allem, wenn sie verunglücken. Was im übrigen selten passiert, denn Höhlen sind eher sichere Plätze. Und anders als beim Bergsteigen bringt die Wahl möglichst schwieriger Routen weder Reiz noch Ruhm mit sich. Höhlenforscher wählen grundsätzlich die sicherste Methode der Fortbewegung und bedienen sich ohne Zögern auch technischer Kletterhilfen, die bei viele Bergsteigern als  unsportlich verpönt sind. 

Über die längsten und tiefsten Höhlen führt ein amerikanischer Höhlenforscher im Internet akribisch Buch. 

Nummer 1 in der Weltrangliste  ist seit eh und je die Mammoth Cave in Kentucky - mittlerweile sind über 560 Kilometer Gänge erforscht. Und ein Ende ist nicht abzusehen. Einige riesige Höhlen liegen in unmittelbarer Nachbarschaft - es ist nur eine Frage der Zeit, bis Verbindungsgänge entdeckt werden und ein Höhlenkomplex von vielleicht 1000 km Länge entsteht. 

Auf Platz 2 die Gipshöhle Optimisticeskaja in der Ukraine, ein Ganglabyrinth  von 183 Kilometern Länge. 

Die längste europäische Höhle liegt in der Schweiz, im Muotatal - in der Nähe des Vierwaldstädter Sees: Sie ist 165 km lang. 
 
Die längste Höhle Deutschlands ist dagegen ein Zwerg: die Salzgrabenhöhle am Königssee ist nur 8 Kilometer lang. Trotzdem darf man für eine komplette Besichtigung getrost einige Tage mit unterirdischem Biwak einplanen. 

Während die Hitliste der "längsten" sich nur relativ langsam verändert, muß die Liste der tiefsten jedes Jahr neu geschrieben werden. Neue Kletter- und Abseiltechniken machen schnelle Vorstöße in immer größere Tiefen möglich. Noch vor 15 Jahren  war der Abstieg in tiefe Schachthöhlen ein aufwendiges Unternehmen mit Dutzenden von Beteiligten, die schwere Drahtseilleitern, Sicherungsseile und Seilwinden transportierten und einbauten, Telefonstationen und Sicherungsposten besetzten.  Heute klettern kleine Teams von 3-4 Leuten an einem Wochenende hunderte von Metern unter die Erdoberfläche. 

Die "tiefste" Höhle der Welt - also die Höhle mit dem größten Höhenunterschied zwischen höchsten und tiefstem Punkt, liegt in den französischen Alpen. Der Eingang des "Reseau Jean Bernard" liegt weit über der Baumgrenze in den Gipfelregionen der Savoyer Alpen. Der tiefste Punkt über 1600 Meter tiefer auf Talniveau. 

Der Lamprechtsofen in Österreich nimmt Platz  2 auf der Hitliste ein und stellt zugleich die größte Durchgangshöhle dar. Eine Gruppe von gut trainierten Höhlenforschern  könnte also oben auf den Loferer Steinbergen in einer Schachthöhle absteigen und - eiige Tage später - 1500 Meter tiefer unten im Tal  bei Lofer wieder aus dem Berg herauskommen. Was allerdings noch niemand gemacht hat.  Denn im Winter - wenn die unteren Teile der Höhle erforscht werden können - liegt oben tiefer Schnee. Und im Sommer - wenn die oberen Eingänge frei sind - droht unten Hochwasser. 

Der größte Teil des Lamprechtsofen  wurde  - ebenfalls ein Rekord - nicht  wie normalerweise von oben nach unten erforscht, sondern  von unten.  Von der Quelle aus arbeiteten sich die Höhlenforscher  1000 Meter in die Höhe. Extreme Kletterei im Berg, über Wasserfälle und Canyons hinweg, in lehmigen Schächten mit teils überhängenden Wänden. An den manchmal  wochenlangen Expeditionen beteiligten sich Österreicher, Deutsche, Belgier und Polen. 

Auf der Suche nach immer tieferen, immer größeren Höhlen schwärmen die Höhlenforscher in immer fernere Länder aus: Höhlen gibt es in eigentlich jedem Land der Welt. Überall da, wo Regenwasser auf chemisch lösliches Gestein trifft - vor allem Kalk, Dolomit oder Gips - beginnen automatisch Verkarstungsvorgänge. Das abfliessende Regenwasser sucht sich einen Weg unter der Erde, nach geologischen Zeiträumen gibt es keine oberirdischen Bäche mehr, dafür komplexe Höhlensysteme, durch die die Niederschläge abfliessen. 

Besonders große Höhlen sind da zu erwarten, wo es besonders viel regnet. Also haben seit etwa 10 Jahren britische, französische und amerikanische Höhlenforscher die Tropen als bevorzugtes Ziel ihrer Expeditionen auserkoren. Ohne Sponsoring läuft da mittlerweile nichts mehr: Hersteller von Seilen und Kletterausrüstung, von Campinggerätschaften und Trockennahrung beteiligen sich an den Kosten. Aber auch Getränke- und Fotofirmen und Fluggesellschaften. 

Die Tourismus-Manager von Malaysia fanden schon vor 10 Jahren Gefallen an den Entdeckungen von britischen Höhlenforschern in Borneo. Mehrere britische Expeditionen hatten weit entfernt von der Zivilisation mitten im Urwald ein 100 Kilometer langes Höhlensystem entdeckt, mit unterirdischen Flußläufen und  unglaublich großen  Hallen: der größte Raum, die Sarawak Chamber, ist mehrere 100 Meter lang und 100 Meter hoch - der größte unterirdische Hohlraum der Welt, größer als alle Säle, die je von Menschen errichtet wurden. Selbst der Petersdom in Rom nähme sich in diesem natürlichen Gewölbe geradezu zierlich aus. 

Die Kommerzialisierung liess auch hier nicht auf sich warten: der Mulu Nationalpark mit seinen Riesenhöhlen steht inzwischen auf dem Programm einiger Reiseveranstalter. 

Gleich nebenan, in Papua Neu Guinea, kletterten französische Expeditionen in aberwitzig große Mega-Schächte in abgelegenen Urwaldregionen, verfolgten reissende Höhlenflüsse über viele Kilometer und konnten schliesslich stolz den Rekord der "tiefsten Höhle der südlichen Hemisphäre" nach Hause bringen. Die  Muruk-Höhle  ist derzeit  fast 1200 Meter tief erforscht. 

Freilich haben für manchen europäischen Höhlenfreaks die Tropen einige kleine Nachteile, als da wären:  ungemütlich hohe Temperaturen, hohe Luftfeuchtigkeit und widerliche Tropenkrankheiten. Doch da gibt es kühle Alternativen:  mitten in das Inlandeis von Grönland hat das Schmelzwasser riesige Gletscherhöhlen gefräst, die nur darauf warteten, erforscht zu werden. Eine französisch-deutsche Expedition nahm sich der Sache an und stieg mehrere hundert Meter tief hinein in den Kühlschrank des Planeten Erde. Durchaus auch mit wissenschaftlichem Nutzen, sind doch die  tausende von Jahren alten Eisschichten im Inneren der Grönlandgletscher wunderbare Tagebücher der Klimageschichte. 

Für amerikanische Höhlenforscher gibt es eigentlich im eigenen Land genug zu erforschen. Doch auch dort ist die Reiselust kaum zu zügeln. Bevorzugtes Auslandziel ist Mexiko, wo es das gibt, was die Amerikaner zuhause vermissen: tiefe Höhlen mit riesigen Schächten.  Da gibt es zum Beispiel Golondrinas, ein rund  400 Meter tiefes Loch im Hochland von Oaxaca. Lange Zeit die längste direkte Abseilstrecke in einer Höhle. Die Fahrt abwärts war - so berichten die Erforscher - kein besonderes Problem, wenn auch sehr sprektakulär, durch Wolkenbildungen hindurch, umkreist von Schwärmen laut schimpfender Papageien,  mit einer immer kleiner werdenden Tagöffnung weit über sich.  Der Aufstieg war eine Probe für Geduld und Kondition -  über eine Stunde dauerte der Weg zurück nach oben  mit Steigklemmen am 12-mm-Seil hinauf. 
 

Der moderne Höhlenforscher unterscheidet sich in einem Punkt nicht von seinen Vorgängern vor 100 Jahren: er hat das Bedürfnis zumindest der Fachwelt mitzuteilen, was er denn spektakuläres entdeckt hat. Eine kaum überschaubare Flut von Fachzeitschriften und Vereinsblättchen legt davon beredtes Zeugnis ab. Wobei allerdings der blumige Stil der Aufbruchsjahre mittlerweile nüchternen Bestandsaufnahmen und technischen Wegbeschreibungen gewichen ist. 

Kostprobe aus dem Bericht  über die Expedition deutscher Höhlenforscher in eine riesige, bis dahin unerforschte Gipshöhle in Syrien 1992: 

" Über Stufen und Verbruch ansteigend gelangt man überraschend in die 90 Meter lange und ca. 15 Meter breite inkasionsgeprägte "Deutschlandhalle". Dieser Hohlraum hat sich bereits über sein Entstehungsniveau hinaus in höher liegende Schichten hochgebrochen und zeigt daher an keiner Stelle die für Gipshöhlen typischen Laugformen.  

Ein etwa 8 Meter tiefer brüchiger Schacht leitet zu einer Raumfolge in denen sich Teiche und schöne Kristalle finden.  

Die Dimensionen des stark bewetterten Ganges nehmen immer weiter zu. Nach Norden abzweigende Seitengänge wurden weiter nicht beachtet. Schliesslich gelangt man in die Kristallbäumchenhalle.  Als Besonderheit besitzt der Blockschutt des Hallenbodens bis zu 30 cm hohe Kristallbäumchen.  

An einigen Stellen treten beachtlich viele Stalaktiten auf. In diesem wohl interessantesten Höhlenteil, der leider nicht mehr kartiert werden konnte, befuhren wir die Hauptgänge auf einer Länge von etwa 600 Metern.  

Auf offener Strecke richteten wir einen Stein auf und schrieben eine Nachricht in den fingerdicken Staub."