HOME

SPELÄO-LINKS

GALLERY

Suchtips

MailTo BK










"Wie ich Weihnachten in der Mammoth-Cave gefeiert habe"

"New-Orleans, den 8. Januar 1867

Es war trüb und frostig; der Winter knirschte hinter uns drein - grollend, daß er mit unserem klappernden, pfeifenden Bahnzug nicht Schritt halten konnte, der ihm mit Windeseile - d. h. mit der gesetzlichen Geschwindigkeit von zwanzig englischen Meilen per Stunde - dem sonnigen Süden zu entwischte. Vor den angelaufenen Fenstern tanzten in nebligen Umrissen kahle Bäume auf öden, winterlich gefärbten Feldern. Louisville und die schönen Ufer des Ohio lagen seit Stunden hinter uns, und tiefer und tiefer verirrte sich der Zug auf seinem rauhen einsamen Geleise über wilde Waldbäche, zerrissene Thäler, steinigte Höhen in die Jagdreviere von Kentucky.

Es war mein dritter Tag auf der Bahn vom Hudson an den Mississippi. Das Schaukeln und Schütteln im Kopfe, das Brausen und Poltern in den Ohren, das Fliegen und Tanzen vor den Augen seit dreimal vierundzwanzig Stunden fieng an zu wirken. Es wollte für mich nicht mehr recht Tag werden und ein Wasserfall schien in der Nähe zu sein, oder eine Mühle "in kühlem Grunde". Ich zog mein Eisenbahnbillet hervor und freute mich, daß es bereits um einen vollen Fuß abgefahren war und nur noch achtzehn Zoll Billetlänge vor mir lagen. Ich steckte ein vorgestriges Bisquit aus Philadelphia von puritanischer Härte zwischen die Zähne, biß darauf und schob es wieder in die Tasche. Ich entfaltete meine Reisekarte auf meines schlummernden Nachbars Schooß: - "Munfordsville - Cavecity - Memphis" - es half nichts; die Karte entsank meinen Händen; - mir war duselig, herzlich duselig, - und ich fieng an zu - d e n k e n .

"Cavecity" Es giebt eine Zeit im Leben, wenn wir mit ausgetretenen Kinderschuhen in die Flegeljahre hinüberstolpern, - eine Zeit, in der eine Höhle das Ideal unserer täglichen Träume bildet. Es ist nicht nöthig, - obgleich sehr wünschenswerth, - daß diese Höhle Schätze enthält, - oder Räuber, Zauberer und verwünschte Prinzessinnen. Ein Erdloch thut's auch, sechs Fuß tief und dunkel am hinteren Ende, wenn wir gegen die Wand sehen, oder ein Durchschlupf durch die zerfallene Mauer eines mittelalterlichen Kuhstalls. Aber Höhle ist Höhle - und der erste süße Schauer der Romantik schwebte für uns um jenes Gestrüppe von Wachholder und Schlehen, das unsere geheimnißvolle Entdeckung den Uneingeweihten verbarg.

"Cavecity, seven miles distant from the largest cave of the world". Es giebt vielleicht doch Naturen, - Situationen, - Augenblicke, wo die Reminiscenzen alter Kindereien verzeihlich und entschuldbar werden: so ein Großvater, der sein Enkelein auf dem Knie schaukelt, - gefärbte Ostereier, - ein blauer sonniger Frühlingstag, oder der Abend des vierundzwanzigsten Dezembers. - - Und der ist heute! Und da laß ich mich von dieser verfluchten Lokomotive sechs Tage lang in ihrem eisernen Geleise schleppen, um von einer Werkbank an die andere zu kommen, bis ich zum Simpel geschüttelt bin! Drüben über dem Ocean stutzen sie jetzt die Bäumchen zu und vergessen allen Erdenjammer einen glücklichen Abend lag und sind Kinder mit Kindern. Hab ich das Recht hiezu verloren? Bin ich nicht ein Deutscher, so gut wie sie? S'steckt mir kein Mensch einen Weihnachtsbaum an in diesem trockenen, kalten, leeren Land, wenn ich's nicht selber thue. U n d i c h w i l l s!

Dabei stampfte ich mit erwachender Energie meinem schlafenden Nachbar auf den linken Fuß. Der Mann hatte keine Hühneraugen; das merkte ich gleich. Doch sah er mich verwundert an, - ein breites, blühendes, ehrliches Gesicht, durch eine fürchterliche Narbe in eine obere und untere Hälfte getheilt. "Ein blutdürstiger Secessionist!" war mein erster, besorgter Gedanke, "oder vielleicht nur ein Held von Bull Run, dem der augenblickliche Zufall die Wunde vorn beigebracht!" Anstatt jedoch aufzubrausen, sah mich der Held unbekannter Schlachten eher dankbar an und fragte mich mit einer gewissen Hast: - "Ist das Cavecity?"

Der Zug hielt in diesem Augenblick. Es w a r Cavecity, wie uns der Kondukteur belehrte. Wenige Minuten nachher standen ich und mein Nachbar, jeder mit einem Reisesack in der einen, einem Regenschirm in der andern Hand, zwischen den Geleisen auf festem Boden und sahen dem Zuge nach, der in der meilenlangen, geraden Linie vor uns, längst unhörbar und scheinbar unbeweglich, sich langsam verkleinerte.

Ich bin ein Deutscher; ich kann nichts dafür, aber mit einem langen Seufzer sah ich meinem davoneilenden Koffer nach, den ich erst am Ufer des mexikanischen Golfs wieder finden sollte. So hoffte ich wenigstens ernstlich. Es war das letzte Stückchen Heimat, das mir geblieben und das mich schon seit Jahren treulich durch Wüsten und Meere begleitete. Dazu die Art seines Verschwindens! Die Lokomotive, die freche Entführerin, riß ihn nicht brausend um die nächste Waldesecke; er versank auch nicht mit moderndramatischem Effekt im Schlunde eines Tunnels. Langsam, - langsam, - fern am waldigen Horizont schrumpfte er zusammen, jetzt ein schwarzes Kästchen, jetzt ein mathematischer Punkt, im nächsten Moment sich in ein Nichts auflösend! Nur ein kleines weißes Wölkchen bezeichnete noch die Stelle, wo ich ihn verloren. Ich wandte mich rechts um.

"Cavecity? So! Aber wo beim Kukuk ist sie denn?!" fragte ich, noch etwas wund von dem eben Erlebten, meinen Begleiter mit Entrüstung, als wäre dieser Schuld an Allem.

"Cavecity" - vollends City! Wenn ich auch nicht verlangen kann daß wir direkt vor der Höhle stehen, so sollte doch wenigstens die S t a d t , die "City" sich bemerklich machen!" Es war nutzlos meinen Begleiter zu fragen. Sein Regenschirm und Reisesack, seine dubiöse Stellung mitten im Bahngeleise waren selbst ein lebendiges Fragezeichen. Da lagen vor uns Wald und kahle Eichen, Buchen und Platanen, wellenförmige Hügel in unregelmäßigen charakterlosen Zügen, auf denen da und dort die grauen Kalkfelsen durchschimmerten, etliche traurige Felder, in denen Stumpen abgehauener Bäume und viel interessantes Gestein mit den eigenthümlichen Zickzackzäunen amerikanischer Hinterwaldkultur umgeben waren; ja, und etliche schnurgerade Feldwege, senkrecht zur Bahn, die vielleicht auch als Kanäle angelegt sein konnten; denn sie standen voll Wasser und waren breit genug für einen Dreimaster. Und dort hinten, am Fuß des nächsten Hügels, erschienen in der That etliche Häuser, wie eine zersprengte Heerde von fünf Schafen, durch die soeben der rücksichtslose Bahnzug gebraust, und an einem der Häuser war weithin zu lesen: - "Mammothhouse."

Es war also doch so! Wir waren in Cavecity; denn das Mammothhaus stimmte auf's Haar mit "Appleton's Companion Handbook of Travel with colored maps", das ich eben aus der Tasche zog, um uns über unsere Situation aufzuklären. Und vor dem Mammothhaus stand bereits ein vierrädriger Kasten mit einem Paar zweideutiger Schimmel und einem Mann in Hemdärmeln, der uns zuwinkte, dito ein kleiner Nigger, - alles wie Appleton prophezeit. Nur ist Appleton ein guter Amerikaner und bezeichnet in etwas überschwänglicher Vaterlandsliebe einen Theil des Waldes zwischen Cavecity und der Höhle als -"a good carriage road". Hievon war nichts zu sehen.

Ein "drink", ohne das ein Amerikaner nichts beginnt und das in allen nur erdenklichen Formen auftritt, in denen aber stets der Grundton Whiskey und Brandy mit ehrlicher Entschiedenheit durchschlägt, brachte uns dem Wagenlenker näher, und zwei Dollar Fahrgeld versetzten uns vollends in die Maschine, die uns nach dem Ziel unserer Wünsche bringen sollte. Der Yankee lebt notorisch rasch und nach Verlauf einer Stunde, welche genügte, um alle Merkwürdigkeiten von Cavecity sechsmal zu sehen, waren wir bereits auf Appletons "guter Fahrstraße" in leidenschaftlicher Bewegung.

Das Benehmen meines neuen Reisegefährten war mir jedoch ernstlich aufgefallen. Er hatte den Wagen drei- bis viermal langsam umkreist, eh' er sich demselben anvertraute. Ja, wär' er ein alter Mann gewesen! Aber jung und robust, mit einem solchen martialischen Säbelhieb durchs Gesicht, - selbst wenn er ihn bei Bull Run erhalten, er konnte doch kein Hasenfuß sein!

"Befürchten Sie, daß wir umgeworfen werden?," fragte ich endlich ungeduldig hinter dem ledernen Vorhang hervor, den ich vergebens zu öffnen suchte. Mein Freund sagte nichts. Ein breites Lächeln zog sich über sein Gesicht und verlängerte die Narbe um einen Zoll. Dann stieg er ein.

"Ein psychologisches Räthsel!" dachte ich und freute mich schon in der Hoffnung, dasselbe werde sich noch mehr verwickeln, aber es löste sich, wie die meisten Räthsel, im Laufe der Zeit einfach genug. Mein Freund hieß Archer, Thomas Archer und war aus Lanork in Westcanada. Sein Großvater war Wagenmacher gewesen, sein Vater Wagenfabrikant und er selbst war gleichfalls bis vor Kurzem ein thätiges Mitglied der väterlichen Firma. In seiner Jugend hatte ihn das Unglück getroffen, von einem der großväterlichen Wägen in ein Beil seines Vaters zu fallen. Daher die martialische Narbe. Der blutige Bürgerkrieg der Union gieng ihn nichts an; er war ein friedlicher Unterthan des friedlichen Englands. Auch war er offenbar der reiche Sohn reicher Eltern und wollte nun in Folge davon an der Stelle von Vater und Großvater die Welt sehen und den nöthigen Vorrath von Bildung für die Familie erwerben. Es war sein erster Versuch; aber der Mann schien System zu haben. Anstatt nach New-York oder Boston zu gehen, reiste er stracks von Lanork nach Cavecity und gedachte mit der Mammoth-Cave zu beginnen. Er wollte es gründlich nehmen und von unten anfangen. Uebrigens war's ein herzensguter Kerl, der mir seinen Compaß lieh und die Lampe hielt, wenn ich zeichnete, mit großer Energie auf Schritt und Tritt Noten machte und nach drei Tagen, als wir uns trennten, zu seinem unsäglichen Jammer sein Notizbuch verlor.