HOME

SPELÄO-LINKS

GALLERY

Suchtips

MailTo BK










- 2 -

Es sind nur sieben Meilen von Cavecity nach dem Cavehotel. Wir brauchten aber nahezu vier Stunden. Da und dort war der Weg von umgefallenen Bäumen verbarrikadirt und wir hatten somit im Busch herzumzufahren. Manchmal versanken wir auch in kleinen Teichen, welche von Zeit zu Zeit die Straße vorstellten. Im Sommer muß der Weg, wie jeder schöne Wald, seine Reize haben; im Winter macht die Gegend den Eindruck tiefer Oede. Die wellenförmigen Hügel liegen in planloser Verwirrung über einander. Die da und dort anstehenden Felsen treten nur fußhoch aus dem Boden hervor und tragen nichts dazu bei, der Landschaft einen eigenthümlichen Anstrich zu geben. Eine kurze Zeit führt die Straße über den ziemlich scharfen Bergkamm zwischen zwei Thälern. Ungefähr in der Mitte der Strecke kommt man an einer scharfen Einsenkung von vierzig bis fünfzig Fuß Tiefe vorüber, in deren Grund links von der Straße sich der niedere Eingang in die Indian cave befindet. Nichts jedoch verräth auf der Oberfläche die unterirdischen Wunder, über die der Wagen hinfährt.

Es war Dämmerung, als wir das Cavehotel erreichten. Dieß ist ein großes, einstöckiges, hölzernes Gebäude mitten in dem da und dort gelichteten Wald. Leere Wände im Innern, - ein schmuckloses Kamin mit einem halben Baumstumpen glosternd auf dem einfachen Eisengestell. Eine Reitpeitsche, eine paar Kentuckybüchsen und ein Revolver, drei Stühle und ein Schenktisch, - das war die Ausstattung des Gastzimmers.

Ein "drink" natürlich vor allem Andern! Wir waren die einzigen Gäste in dem großen Haus. "Könnten wir Zimmer bekommen?" - "Yes, Sir! Wollen die Herren morgen die kleine oder die große Tour machen?"" - "Die große unter allen Umständen;" sagte ich zuversichtlich, obgleich ich keine Idee davon hatte, was unter beiden verstanden wird. "Wie viel kostet's?" fragte Archer mit ungenirter Aufrichtigkeit. - ""Well, die kleine allein kostet zwei Thaler, die große drei und beide zusammen vier."" Das leuchtete Archer ein und wir beschlossen, morgen die große und übermorgen die kleine Tour zu machen, was der Wirt höchlich billigte.

Darauf erschien ein riesiger Neger und brachte eine Handvoll Traktätchen, die er uns schmunzelnd einhändigte. Das Büchlein war ein "Führer durch die Mammoth-Cave von Kentucky, vom Professor Karl Wright in Louisville. "Wie viel?" fragte Archer wieder mit steigender Vorsicht. Wenn man die ganze Welt von unter bis oben besehen will, darf man wohl fragen. "Fünfzig Cents das Stück!" Wir erstanden alsbald zwei dieser schätzbaren Dokumente und fiengen an, emsig zu studiren.

Das Büchlein ist gut amerikanisch. Die Vorrede verheißt eine "Chemie, Geologie und Zoologie der Höhle nebst einer Beschreibung sämmtlicher Kammern, Gänge, Dome, Flüsse u.s.w., die darin zu finden." Dann beginnt es mit einem Lobgesang auf die Hotel- und Höhlenbesitzer, Messrs. Proctor und Rogers, deren Höflichkeit und Zuvorkommenheit nur von den Wundern der Höhle selbst übertroffen wird. Auch der Oberkellner, Mr. Crouch, ist ein Wundervogel. Vier weiße und zwei schwarze Höhlenführer übertreffen sich gegenseitig an Ortskenntniß, Geistesgegenwart in Zeiten der Gefahr und lobenswürdiger Zuverläßigkeit. Eine "Höhlenbande" ist im Sommer beschäftigt, die akustischen Wunder der Höhle zu verwerthen, und zeichnet sich durch ernstes Studium und lange Uebung aus. Im Winter spielt dasselbe im Louisvilletheater. Das Hotel selbst wird sogar von der Höhle nicht übertroffen. Es kann vier- bis fünfhundert Gäste beherbergen (vermuthlich mit Beiziehung des Waldes), hat einen prachtvoll ausgestatteten Ballsaal (er ist in der That weiß getüncht und mit einer Guirlande aus Tannenzapfen in der rechten Ecke hinter dem Orchester geschmückt) und ist mit unvergleichlichen Parkanlagen, Promenaden und einer "Schaukel" verbunden.

Dann beginnt das Buch im Ernst. Kohlensäure und Kalk, Stickstoff und Sauerstoff, Wasser und Luft werden reichlich durch einander gemengt, ehe die Höhle für ihre geographische Beschreibung fertig ist. Doch kommen wir auch an diese, ehe noch unser Thee erscheint, und nachdem wir uns drei Seiten lang durch Gänge und Kammern, Zweig- und Hauptadern durchgelesen, trifft mich ein Blick Archers, der klar, wie die Sonne, mit einem Beigeschmack von aufrichtiger Verzweiflung sagt: "Mir steht der Verstand still."

"Und ich weiß nicht mehr, was rechts und links ist;" sagte ich grimmig und warf das Buch weg. - "Herr! Haben Sie keine Karte von Ihrem infernalischen Reich?"

"Karte?" wiederholte Mr. Proctor, der im Winter nicht nur Hotel- und Höhlenbesitzer, sondern auch Kellner und Führer ist, wenns Noth thut. "Nein, Sir! Eine Karte giebt's nicht. Die Höhle wurde nie aufgenommen. Die Eigenthümer - (hier sprach er, als ob 's ihn gar nichts angienge, und dieser kleine Zug bestätigte das Lob, das ihm Professor Wright im zoologischen Theil seiner Höhlenbeschreibung spendet; Proctor war wirklich ein Ausbund von Höflichkeit;-)- "Die Eigenthümer gestatten grundsätzlich keine Aufnahme des Innern der berühmten Mammoth-Cave!" Und damit verließ er das Zimmer.

Der Mann hatte eine scharfe Nase. Die meisten Kentuckyer haben eine solche. Er roch in mir den bösen Feind. Nach wenigen Minuten kam sein Sohn herein. Ich bestellte wieder einen "drink" und ließ mir seine Kentuckybüchse zeigen. Dann fragte ich ihn gleichgiltig, warum die Höhle nicht aufgenommen werde? Der Junge war traktabler und weniger höflich: "Dam me! Das sollte uns Einer probiren!" und stieß den Kolben seiner Büchse auf den dröhnenden Boden. "Wissen Sie, die Höhle ist so verflucht groß; - wir haben zweitausend Akres um den Eingang herum gekauft, aber - dam me! - das ist gerade für die Katze! Ein Zweig geht sicher bis Cavecity, ein anderer gegen Glasgow. Manchmal ist sie tief unter dem Boden; Manchmal kommt sie fast bis an die Oberfläche. Wenn einer in Cavecity wüßte, wie sie läuft, würde er einen neuen Eingang graben, und dann gute Nacht, Cavehotel! Wir wären ruinirt". Das leuchtet ein, aber mein Plan war gefaßt. Ich mußte wenigstens eine Skizze dieses Labyrinths bekommen und theilte die Idee Archer mit. Mein Freund war in Ekstase. Er hatte einen Compaß. Das war wenigstens Etwas. Die Sache gewann plötzlich ein romantisches Interesse und ich legte mich in Erwartung einer Weihnachtbescheerung der eigenthümlichsten Art in einer der öden Kammern des Cavehotels zu Bette..

Es ist kaum nöthig zu sagen, daß Alles ohne besondere Abenteuer ablief. Wir erhielten einen alten Führer, der um einen Extradollar uns aufs Emsigste behilflich war. Daß die Karte, die auf diese Art entstand, - mit einem diminutiven Compaß, mit Zählen von Schritten und Abmessen der Zeit, die zum Zurücklegen größerer Strecken gebraucht wurde, - nur eine annähernd richtige sein kann, versteht sich von selbst. Ihr einziger Zweck ist, einen deutlicheren Begriff von der merkwürdigen Welt im Innern der Gebirgszüge Kentuckys zu geben, als dies mit dem bloßen Aufzählen willkührlicher, verwirrender Namen möglich ist.-

Bewaffnet mit einer Laterne, drei Oellampen, einem Dutzend bengalischer Lichter, mit Compaß und Skizzenbuch, vor Allem aber mit einem Korb voll Eßwaaren und Weinflaschen - denn unser wissenschaftliches Streben war von solider Natur; - machten wir uns am folgenden Morgen um acht Uhr auf den Weg. Wir waren nur zu dritt, - Archer, ich und der Führer. Um so besser. Wir konnten die Höhleneinsamkeit in ihrer ganzen Gewalt auf uns wirken lassen.