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Der Eingang ist keine fünf Minuten vom Hotel entfernt. Derselbe steht am oberen Ende einer kleinen, waldigen Schlucht, welche sich in westlicher Richtung dem Greenriver zusenkt. Ein Fußweg führt die Schlucht hinab. Nach zweihundert Schritten zeigt sich am rechten Abhang eine tiefe Einsenkung, an deren Grund sich, nach Westen offen, von gewaltigen Felsen überhängt, das Portal der riesigen Höhle befindet.

Von der Decke rieselt eine Quelle, deren Wasser direkt am Eingang einen Schacht zu bilden anfängt. Aus der verwirrten Lage der Felsen am Boden ist deutlich zu erkennen, daß die Oeffnung einem Höhleneinsturz zu verdanken ist, den ohne Zweifel eben diese Quelle verschuldet hat. Thatsache ist, daß die Trümmerblöcke und der Schutt am Portal den Zutritt einer zweiten, etwa eine halbe Meile langen Höhle, der sogenannten Dicksons-Cave, verstopft haben, die noch eine besondere Oeffnung besitzt; welche vermuthlich in früherer, vormenschlicher Zeit die einzige Pforte in die Mammoth-Cave war.

Wenige Schritte, nachdem der nasse und holperige Eingang passirt ist, befinden wir uns in einem sich verengenden Gang von etwa dreißig Fuß Höhe und anfänglich vierzig Fuß Breite, in welchem ein lebhafter Luftzug von außen nach innen das Anzünden unserer Laterne kaum erlaubt. Doch gelingt es dem Führer endlich. Auch der unsichere Schimmer von zwei Talglichtern zittert über die nächsten Felsen, und vorwärts geht es, zwischen Mauern aus Bruchsteinen hin, die um's Jahr 1812 von den in der Höhle beschäftigten Salpetergräbern hier aufgeschichtet wurden.

Es wird still um uns und feierlich; nur die Schritte hallen laut in dem hochgewölbten Gang. Der Tagesschimmer vom Portal her wird matter und verliert sich. Erschreckte Fledermäuse pfeifen über unserem Kopfe. Man sieht freilich nichts; aber das ist gerade das Schöne der Sache!

Dieser Theil der Höhle heißt seiner Natur gemäß: the narrows. Doch ehe wir sie und das Tageslicht auf einige Stunden verlassen, werfen wir einen raschen Blick auf die Stelle, wo wir von der Oberwelt verschwinden.

Wir sind in dem Herzen Kentuckys, dieses an Naturmerkwürdigkeiten so reichen Staats der Union. Wenige Meilen nördlich von der Höhle strömt der Green River im Allgemeinen von Ost nach West, um dann nördlich dem Ohio zuzuschwenken. Gerade hier aber macht er eine scharfe Biegung von Nord nach Süd. Die Kalksteinhügel in der Gegend erheben sich kaum mehr als zweihundert bis dreihundert Fuß über die Thalsohle des Flusses und bilden unregelmäßige Mulden und Versenkungen, wie sie an verschwommenen Wasserscheiden auf wellenförmigen Hochebenen so häufig sind. Das überall anstehende Gestein ist von hellgrauer Farbe, die manchmal ins Gelbweiße übergeht. Wo es nicht dem Wasser ausgesetzt ist, da ist es von gesundem, compaktem Bruch. von Quellwasser beträufelt überzieht sich der Stein mit einem gelblichen, dicken Schleim, indem er sich langsam in dem eine beträchtliche Menge von Kohlensäure führenden Wasser löst. Wir ersparen dem Leser die Geschichte vom doppelkohlensaurem Kalk. Sie ist wohl dieselbe in den meisten Kalksteinhöhlen, und die Geologen und Höhlenweisen unserer Zeit kennen sie zur Genüge. Aber sie ist das A und O dieser ganzen merkwürdigen Unterwelt Kentuckys, sowie eines großen Theils seiner überweltlichen Struktur. Denn wie die Höhlen mit ihren Wassern, so fressen sich auch die Thäler in die Erde ein, beide im Laufe der Jahrtausende mit einander um hunderte von Fuß sinkend und die senkrechten Felswände, sei es am Green River, am oberen Kentucky-River, oder im geheimnißvollen Innern der Edmonson-county, als Beweise ihrer Thätigkeit zurücklassend.

In vielen dieser Höhlen finden wir noch das Wasser in voller Arbeit, Schächte vertiefend, Hallen erweiternd, Dome erhöhend. Quellen rieseln von den Decken und aus hoch emporgefressenen Nischen und sammeln sich in dunklen, unerforschten Teichen, deren Zusammenhang mit den Wassern der Oberwelt nur durch das correspondirende Steigen und Fallen erkannt wird. Mit den Thälern sanken diese Teiche tiefer und tiefer. Was vor Jahrtausenden ein Becken war, wird bald nur noch einen schwachen, unterirdischen Zufluß zum tieferen Höhlenbecken, und bald d. h. nach etlichen weiteren tausend Jahren eine trockene Halle bilden, die nur an der eigenthümlichen Form der abgewaschenen Wandungen, an dem geflößten Schlamm, an dem hereingespülten Sand oder Lehm verräth, was in ihr einst vorgegangen.

Dies ist die Geschichte der unzähligen Höhlen unter diesem und ähnlichem Grund und Boden, in deren größte wir eben eingetreten. Ihr jetziger Eingang liegt hundertvierundneunzig Fuß über dem Niveau des Greenrivers, mit dem ihre tiefsten Teiche und Becken correspondiren. Vom Eingang bis in jene dunkeln Tiefen hinab, die wir in drei Stunden erreichen, schreiten und kriechen wir durch die rastlose Arbeit von Jahrtausenden. Vorwärts denn!