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Der kalte Zug von außen läßt nach, eine angenehme Temperatur von 12 Grad Reaumur herrscht ringsum, wie durch die ganze Höhle. Die Luft ist trocken und rein, keine Spur von der drückenden Atmosphäre von Kellern und Minen. Die Engen öffnen sich plötzlich, und wir stehen endlich am eigentlichen Beginn des großen, unterirdischen Baues in der Rotunda.

Eine prachtvolle Halle, hundert Fuß hoch und etwa einhundertsiebzig im Durchmesser und Durchschnitt. Der Führer zündet sein erstes bengalisches Feuer an und der kunstlose Dom erscheint in seiner ganzen erhabenen Größe. Eine gewaltige Halle zweigt gegen Osten ab und versinkt alsbald in rabenschwarze Nacht. Es ist dies die main cave, der wir nachher zu folgen haben. Eine kleine Abzweigung gegen Südwest führt nach einem langen Gang, der Audubon avenue, welche an ihrem hinteren Ende, eine halbe Meile von der Rotunde, etliche Stalaktiten enthalten soll, sonst aber keine Merkwürdigkeiten bietet.

Die Rotunde zeigt keine Spur von Tropfsteingebilden. An diesen ist überhaupt die ganze Mammoth-Cave sehr arm. Die Wände sind, wie die Decke, von gelblichem weißem Kalk gebildet, dessen abgerundete Formen deutlich die Wirkung des Wassers zeigen, von dem jetzt keine Spur mehr in den trockenen Gewölben zu finden ist. Der Boden ist mit Schutt und Trümmern bedeckt und zeigt die Ueberreste der Salpetergruben, die vor Jahrzehnten bis tief in die Haupthöhle hinein mit Eifer betrieben wurden. Breite Wagengeleise, Spuren von Pferden und Ochsen in verhärtetem Schlamm, zerbrochene hölzerne Röhren und eine Reihe von Gruben zum Auswaschen des Salpeters werden noch eine Meile vom Eingang bemerkt. Der unterirdische Industriezweig gerieth aber aus Mangel an pekuniärem Erfolg längst in's Stocken. Er machte einem andern, minder unschuldigen Platz, indem sich die höhere Wissenschaft der Höhle bemächtigte und Schwindsüchtige und Nervenkranke auf Monate in dieses Reich der Schatten verbannte. Noch stehen an drei Punkten kleine, steinerne Gebäude, in denen die Unglücklichen die Stille und die reine Luft des Erdinnern genossen. Das Experiment ward nicht vollständig von Erfolg gekrönt. Die Schwindsüchtigen starben entweder sogleich, oder jedenfalls ein paar Tage, nachdem sie die Höhle verlassen hatten, - und die Nervenkranken wurden wahnsinnig. Der geniale Arzt und Entdecker der Höhlengesundheitstheorie verdiente jedoch mehr Geld, als der Salpeterdirektor, und es ist insofern zu bedauern, daß die Wissenschaft eine andere Richtung genommen hat.

Doch unser Führer hat mittlerweile die drei Oellampen angezündet und die Laterne hinter einem Felsen bis auf Weiteres verwahrt. Archer, der auf den Knieen lag und leidenschaftliche Noten zu Papier brachte, war aufgestanden, brach unerwartet in ein Geheul aus, "um das Echo zu probiren," wie er sagte, beruhigte sich aber wieder und - vorwärts gieng's.

Die Namen der einzelnen Theile der Höhle sind natürlich das willkürliche Werk der Führer und häufig nichts weniger, als bezeichnend. Da es jedoch unmöglich ist, sich ohne dieselben durch das vor uns liegende Labyrinth hindurchzufinden, so acceptiren wir sie in gutem Glauben.

Die schon erwähnte Main cave, die wir betreten, führt zunächst im Allgemeinen gegen Südost mit einer kaum bemerkbaren Neigung gegen unten. Sie ist ein Tunnel von 60-100 Fuß Weite, mit nahezu vertikalen Wänden und einer schwachgewölbten Decke in einer Höhe von 40-70 Fuß. Der Boden ist mit herabgefallenen Felsstücken bedeckt, die jedoch klein und unbedeutend und dem bequemen, raschen Vordringen nicht hinderlich sind. Die weißlichen, bleichen Wandungen und namentlich auch die Decke sind mit schwarzen Platten von wunderlichen Formen überzogen, die durch Ausschwitzung von Gyps erzeugt werden, und in welchen die unterirdische Natur ein phantastisches Talent für Freskenmalerei bekundet.

Wir passiren die Kentucky-river-cliffs, wo die kecken Formen der Höhlenwandungen an die Ufer des oberen Kentucky-River erinnern, der sich durch dasselbe Gestein und nach denselben Gesetzen sein Hunderte von Fußen tiefes Bett gegraben. Eine auf diese Partie folgende Ausweitung ist die Methodist-chapel, die in der That während der Salpetergräberperiode zu Gottesdiensten benützt wurde und in der noch ein paar rohe Holzbalken die Sitze der Gemeinde andeuten. Die Kanzel, ein dreißig Fuß über dem Boden hervorspringender Felszacken, erforderte jedenfalls einen körperlich sehr gewandten Geistlichen.