Aus: LES ABIMES
Entdeckung des unterirdischen Flusslaufs von Padirac 1889


"Ich steige als erster hinab. Nach 8 Minuten bin ich am Ende der Leiter angekommen. Ich mache mich vom Seil los und hebe den Kopf. Der Eindruck ist fantastisch: man glaubt in einem Teleskop zu stecken, das auf ein Stück blauen Himmels gerichtet ist. Das senkrecht einfallende Licht beleuchtet mit seinem Widerschein, wie ich es noch nirgendwo gesehen habe, die Wände des Schachts. Am Rande des Lochs tauchen winzig klein die Köpfe meiner Gefährten auf, die auf dem Bauch liegen, um mich zu beaobachten. An der Öffnung und an den kleinsten Vorsprüngen des kolossalen Trichters hängen lange Büschel von schattenliebenden Pflanzen.
Dazwischen wie ein schwarzer Spinnenfaden das Telefonkabel, die Verbindung mit der lebenden Welt."....

"Vor unseren erstaunten Augen Öffnet sich eine monumentale Avenue, 10 bis 40 Meter hoch, 5 bis 10 Meter breit. Ungeduldig dringen wir in das neue Unbekannte vor. An jeder Biegung erwarten wir ein plötzliches Ende des Ganges, doch der schwarze Raum setzt sich fort. So weit auch das strahlende Licht unserer Magnesiumlampe reicht, wir können kein Ende dieser grandiosen Galerie erkennen."

"Um 10 Uhr schwimmt unser Boot mit Gaupillat und mir in der Großen Galerie. Armand und Foulquier bleiben am lehmigen Ufer zurück. 2 Minuten später erschallt ein Triumphschrei: 'Es geht weiter! Ein wunderbarer ruhiger Fluß. Wir fahren auf Entdeckungsreise, wartet auf uns, Hurra!' Und sie müssen wirklich warten ... sechseinhalb Stunden lang.

Was wir entdecken, ist kaum zu beschreiben. Wie in den schönsten aller bekannten Höhlen sind die Wände mit funkelnden Tropfsteinen Überzogen. Kein Künstler könnte schöneres erdenken. Das Magnesiumlicht läßt alles erstrahlen wie das Innere eines reinen Diamanten.

Wir haben fast Angst, ohne zu wissen warum. Kein Lärm stört die majestätische Stille. Nur von der Decke fallende Wassertropfen tönen spitz oder schwer, silbern oder dumpf und das Echo, das ihren Klang diskret wiederholt, vermischt alles zu einem melodischen Gesang, eine sanfte Musik, harmonischer und klangvoller als die süßesten Glocken der Erde.

Noch kein menschliches Wesen war vor uns in dieser Tiefe. Niemand weiß wohin wir gehen und was wir sehen werden. Wir sind allein, 2 Männer in einem Boot. Weit weg von jedem Kontakt mit dem Leben. Noch nie haben wir etwas so erstaunlich schönes gesehen. Spontan stellen wir uns gegenseitig dieselbe Frage: Träumen wir das alles nur?


Zahlreiche natürliche Barrieren machen uns viel Arbeit. Diese eigenartigen Dämme bestehen aus Tropfstein. Die kristallinen Dammkronen sind auf feinste ziseliert wie weiße Korallen.
An jeder Barriere müssen wir an diesem zerbrechlichen Tropfsteingrat anlegen, das Boot aus dem Wasser heben und es ins nächste Becken hinablassen.
34 mal haben wir auf dem Hin- und Rückweg dieses gefährliche Manöver zu wiederholen, die Kerze zwischen den Zähnen. Und oft führt ein unvermeidlicher Sturz auf dem glatten Untergrund zu einem unfreiwilligen Vollbad.

Wir verlieren das Zeitgefühl und wir vergessen vollkommen die beiden Männer, die wir zurückgelassen haben und die sich wegen unserer langen Abwesenheit schon Sorgen machen.

Sinterbecken folgt auf Sinterbecken; Wir fahren in einen siebten See hinein, unter einem 20 Meter hohen Felsgewölbe. Das ist das Ende, um uns nur geschlossene Wände, hier verschwindet der Fluß. Irrtum: in einer Ecke hat er sich einen Tunnel gebahnt, breit, aber nur 50 Zentimeter hoch. Darüber kein noch so kleiner Spalt. Doch aus dem Tunnel dringt die zarte Harmonie weit entfernt fallender Tropfen. Sollte das Naturwunder sich also weiter fortsetzen? Wir beraten uns: gestern hat es geregnet, heute morgen war das Wetter unsicher und nun sind wir schon seit 7 Stunden unter der Erde. Vielleicht haben sich die Wolken geöffnet, vielleicht wird der Fluß ansteigen. Werden wir dann noch wieder zurückkommen? Ach was! Das Unbekannte zieht uns unwiderstehlich an. Vorwärts, zur Entdeckung!
Der Tunnel ist 20 Meter lang und mündet in einer neuen 5o Meter hohen Spalte.

Bis wohin werden wir noch gelangen? Langsam wird es uns unheimlich. 8 weitere Sinterbarrieren, dicht hintereinander. Wir sind triefnaß. Das Wasser läßt unsere Glieder steif werden. Der Kerzenvorrat geht ur Neige. Es fällt uns ein, daß wir ja Uhren dabeihaben. Es ist 2 Uhr, seit 4 Stunden sind wir unterwegs, 1700 Meter trennen uns von Armand und Foulquier, und Über 2 Kiloemter von der Schachtöffnung.
Wir müssen umkehren: Müdigkeit Überfällt uns, und auf dem Rückweg sind die Hindernisse vielleicht noch schwerer zu Überwinden.


Man muß solche bewegenden, erregenden unterirdischen Forschungen miterlebt haben, um sich vorstellen zu können, wie anziehend sie sind. Um eine Vorstellung zu bekommen von diesem Entdeckungs-Fieber und der Sehnsucht nach dem Unbekannten. Das sind lebhafte, einzigartige Eindrücke, die einen niemals ermüden." // Les Abimes p.262-274

Übersetzungen frei für den Nachdruck in Speläo-Zeitschriften gegen Belegexemplar und Quellenangabe (Aus: "Expedition in die Finsternis - B.Kliebhan /")
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