Aus: Annuaire du Club Alpin 1896
Erforschung der Cueva del Drach bei Porto Christo, Mallorca


"Am Donnerstag, dem 10.September 1896 um 9 Uhr morgens stören unsere beiden Faltboote zum ersten Mal die Ruhe des Sees. ....


Tausende - wenn nicht Millionen - von feinen Stalaktiten hängen wie lange Tränen aus Diamanten eng gedrängt herab. Dicht Über dem Wasser hängend spiegeln sie sich perfekt und so scheint das Boot zwischen zwei mit Rauhreifnadeln Überzogenen Wäldern zu schweben. Die Klarheit des Wassers steigert die zauberhafte Wirkung, da der Boden des Sees deutlich zu sehen ist. Hier und da haben sich im Wasser Inseln aus Kalzit gebildet, sie gleichen weißen Korallenriffs.


Manche dieser Inseln, die ständig weiterwachsen, sind mit den Stalaktiten der Decke verschmolzen. So sind reich verzierte Säulen entstanden, deren Facetten noch nie ein Licht vor unserem Besuch zum Funkeln brachte. Manche der stämmigen Säulen erinnern an unterirdische indische Tempel, an Rüssel und Elefantenohren. Andere wieder Ähneln Ägyptischen Kapitellen und Pyramiden aus ineinander verschlungenen Lotosblüten. Lautlos fahren wir zwischen diesen Inseln und Baldachinen dahin, voller Sorge, eine dieser zarten Spitzen bei dem leisesten Stoß unserer Paddel abzubrechen. Verzückt und verzaubert wie wir waren hätte uns auch die Erscheinung einer Wassernymphe in einem Gewand aus Meerschaum sicher nicht mehr Überrascht.

überall, vor und hinter uns, soweit der Lichtschein des Magnesiums reicht, Marmor-Kaskaden, Orgelpfeifen, Vorhänge aus feinster Spitze und Kristall-Lüster. Und all diese Pracht nur aus einem Stoff, aus Kalziumkarbonat. Und ziseliert von einem Künstler, dem Wassertropfen! Ein Anblick, den ich nie vergessen werde.


Eine Sinterbarriere versperrt uns den Weg. Wir machen das Boot fest und klettern hinauf. Vor uns liegt ein neues Wunder. Ein wahrer Urwald aus Kalzit, dessen Zweige bis zur Decke der Höhle reichen. Unmöglich, sie zu zählen. Sie stehen weniger als einen Meter auseinander; alle Formen sind vertreten in diesem Üppigen Labyrinth: Kerzen und Orgelpfeifen, Vorhänge und Fahnen, Seeigel und Korallen. Um uns in diesem Gedränge einen Weg zu bahnen sind wir zu unserem großen Kummer gezwungen, einige zu zerbrechen." // Ann CAF 1897, p.376-382

Übersetzungen frei für den Nachdruck in Speläo-Zeitschriften gegen Belegexemplar und Quellenangabe (Aus: "Expedition in die Finsternis - B.Kliebhan / Videovertrieb U.KRUEGER")
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