Aus: La France Ignoree, Paris 1928
Martels Expedition in die Gorges du Verdon 1905


"Wir befinden uns am Grunde eines regelrechten Schachtes: unsere ausgestreckten Arme berühren fast die Wände, die Überhängend 400 Meter aufsteigen. Dort oben glüht die Sonne, hier unten ist es fast Nacht, in diesem Gefängnis aus Wasser: ein erdrückendes, unvorstellbares Schauspiel.

Das Kentern eines Bootes, das Stranden des zweiten, ein Leck im Dritten. Ein Photoapparat naß, Taue verloren, unfreiwillige Bäder. An diesem ersten Tag ist bald an eine weitere Benutzung der Boote nicht mehr zu denken.

Während die Schlucht sich weitet, versperren immer mehr riesige Felsblöcke den Flußlauf und machen jede Bootsfahrt unmöglich. Das ist schlimmer als am Pas de Souci des Tarn und gespickt mit teuflischen Barrieren wie Baumstämmen, Bauteilen von Hütten, Fragmenten von Stegen, von der Gewalt der Hochwasser zusammengepreßt. Zu Fuß kommt man mehr schlecht als recht noch durch, zwischen Holzbohlen, spanischen Reitern und Kartenhäusern aus wackeligen Felsen. Aber mit den Booten auf den Schultern ist es infernalisch. Schließlich verschwindet der gesamte Fluß unter einer Felsen-Chauss‚e : aber was für eine! Da muß man von einem Grat zum nächsten springen oder in tiefe Spalten klettern, in denen das Wasser brodelt.

Wir schleppen schließlich einen dicken Balken als Behelfsbrücke mit uns herum. Mehr als einmal sind Seilsicherungen nötig, um nicht in ein Wasserloch zu fallen. Man wäre da sicher nicht lebend herausgekommen.

Die Schönheit des Canyons ist aber ohne gleichen. Doch je breiter er wird, umso unpassierbarer werden die Verstürze.

Verzichten wir auf die Schilderung aller Details der Hindernisse, die wir mit unserem sperrigen Material zu Überwinden haben. Die Kletterei Über bis zu 100 Meter hohe Felsbarrieren, Wasserstrudel in einem Kranz kolossaler Gletschermühlen, Reste von zusammengestürzten Wegen, wo Diesteln den einzigen Halt geben, schnelle Stromschnellen, Boote halb unter Wasser gedrückt von reissenden Fluten.

Wir sind am Ende unserer Kräfte und staunen nur noch. Ein Höhlendach am rechten Ufer, eine wahre Grotte des Styx, scheint den Verdon zu verschlucken. Hier ist die Weiterfahrt unmöglich.

Und dann der Pas de l'Imbut, der Trichter. Hier sind die Schwierigkeiten wirklich entsetzlich und Übersteigen alles erlebte. Zuerst Stromschnellen zwischen großen Felsen, so heftig, daß fast die Sicherungsseile reißen. Dann die Suche nach einer Furt. Von der Strömung davongerissen kann ich mich gerade noch an einem Felsvorsprung festhalten, um nicht von dem Schacht verschluckt zu werden. Denn diesen Schacht gibt es wirklich: Auf 30 Meter Höhe und Breite ist der Canyon gänzlich barrikadiert, von einem Ufer zum anderen durch einen Felsen versperrt. In diesem Damm hat das Wasser mechanisch und chemisch eine Reihe von Spalten gefräst. Es sieht aus wie ein wirkliches Gitter oder eine Egge, die irgenwie vom Himmel gefallen ist.

Auf diesem gigantischen Deich liegen verstreut die kolossalen Trümmer von früheren Bergstürzen. Einer der Blöcke, der ziemlich wacklig aussieht, hat gut und gern 1200 Kubikmeter. Das Tragen der Boote ist teuflisch. 400 Meter Über uns berühren sich die Felswände fast Über unseren Köpfen und versperren uns den Blick auf den Himmel. Der Pas de l'Imbut ist gerade 300 Meter lang. Er hat uns 3 Stunden Arbeit gekostet.

Was folgt Übersteigt an Größe und Wildheit alles, was der Canyon uns bislang enthüllt hat: die Breite variiert zwischen 15 und 50 Metern. Die Silhouetten der vom Wasser in den Stein geschnittenen Figuren erreichen ein Höchstmaß an Fantasie. Man verliert den Kopf in alldem, was die Aufmerksamkeit auf sich zieht. 20 mal müßte man diesen großen Canyon durchqueren, um wirklich sagen zu können, man habe ihn gesehen.

Sicherlich Übertrifft der Grand Canyon des Colorado den Verdon an Größe und Farbigkeit, aber er ist weniger eng und vor allem nicht so grün. Und außerdem ist er nicht 'bei uns'"
Übersetzungen frei für den Nachdruck in Speläo-Zeitschriften gegen Belegexemplar und Quellenangabe (Aus: "Expedition in die Finsternis - B.Kliebhan / Videovertrieb U.KRUEGER")
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