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Suche nach Max / Teil 4

Die schwarze Schachtel

Familie Kämper hat sich von unserer "Suche nach Max" anstecken lassen und nach weiteren Unterlagen gesucht. Eine Schachtel taucht auf. Die Witwe hatte darin vergilbende Erinnerungen an ihren Mann aufbewahrt.

Wir öffnen einen Umschlag und sehen Höhlenfotos. Bilder, die Max 1908 von seinen Entdeckungen in der Mammoth Cave gemacht hatte. Wir erkennen die charakteristischen Tropfsteinkaskaden von Violet City. Sehen Bilder von Canyons und Flussläufen. Die Fotos sind von erstaunlicher Qualität, mit Magnesium geschickt ausgeleuchtet, gekonnt vergrössert.

Gespannt schlagen wir ein schwarzes Notizbuch auf. Die große Überraschung: es enthält Eintragungen von Max Kämpers Amerika-Reise. Kein Tagebuch im eigentlichen Sinne, eher ein Kassenbuch. Tag für Tag notierte Max in diesem Buch akribisch seine Ausgaben und Einnahmen. Manchmal fügte er kleine Kommentare hinzu.

Tag für Tag, Station für Station lässt sich nachvollziehen, was Max in Amerika gemacht hat. Eine Person gewinnt Konturen.

Mit 750 Mark Reisegeld in der Tasche und 70 Kilo Gepäck verlässt er Ende April 1907 Berlin. Über München und Mailand geht die Fahrt nach Genua, wo er den Postdampfer "Friedrich der Grosse" des Norddeutschen Lloyd besteigt. 400 Mark kostet die Überfahrt. Am 16. Mai kommt er in New York an.

Max findet sich in der brodelnden, boomenden Stadt zuerst recht mühsam zurecht. Er schreibt viele Briefe nach Hause. Einer von ihnen hat die Zeit überdauert.

Frau Kämper:

"Nach seinem Brief hatte er glaube ich ganz grosse Anpassungsschwierigkeiten, einfach im Benehmen der Menschen." Geraschel

"Er schreibt: Was die Amerikaner mit Freiheit und Gleichheit bezeichnen würden wir meistens Rüpelhaftigkeit nennen. Vielleicht gewöhne ich mich im Laufe der Zeit noch etwas mehr an den hiesigen allgemeinen Ton. Ich meine damit hauptsächlich das Benehmen im Restaurant. Sowas sieht man bei uns nicht. Ich würde wetten, dass ein deutschen Student, der sich in Berlin nur einen Tag "amerikanisch" benehmen wollte, ein Dutzend Contragen bekommen würde. Aber wir sind hier eben auch nicht in Berlin. "

Doch schon bald beginnt Max, New York zu geniessen. Die Tage des jungen Ingenieurs gehören der Technik. Die Abende und Wochenenden den Künsten und der Musik. Er besucht Museen, Konzerte und Theater. Keine wichtige Premiere, die er auslässt. Er erlebt in den Konzertsälen alle Grössen seiner Zeit. In der Metropolitan Opera feiert 1907 der Tenor Erico Caruso Triumphe. Max sitzt im Zuschauerraum, als Techniker das Ereignis für die Nachwelt auf Edisonwalzen festhalten .

Max zieht um, mitten hinein in das Theater-Viertel der Stadt, dorthin, wo heute der Madison Square Garden steht. Er nimmt Geigenunterricht und trifft sich zum gemeinsamen Musizieren mit Freunden.

Fast jede Woche kauft er neue Noten: die aktuellen Hits der Jahrhundertwende aber auch Beethovensonaten und andere klassische Werke. Auch Rubinsteins Melodie in F gehört bald zu seinem Repertoire.

Im Februar 1908 verlässt er New York und bricht auf zu einer Reise durch die amerikanischen Industriegebiete. In Pittsburg besichtigt er eine Reihe von Stahlwerken – auf Empfehlung seines Onkels Heinrich Lueg, einer der Stahlbarone im Ruhrgebiet. Die Eintragungen im Notizbuch sind knapp, die Besuche kaum mehr als rasch abgehakte Pflichtübungen.

Denn das Ziel seiner Reise liegt weiter im Westen: im abgelegensten Winkel von Kentucky, in den Hügeln in der Nähe eines winzigen verschlafenen Städtchens namens "Cave City".

Ende Februar 1908 trifft er an der Mammoth Cave ein. Eine ungemütliche Jahreszeit für einen Besuch dieser Gegend. Das Hotel: schlecht geheizt und reichlich heruntergekommen. Das Wetter trübe, die Bäume kahl. Ein wenig einladender Landstrich, in den sich im Winter nur wenige Gäste verirren.

Was, so fragen wir uns, hat ihn zu dieser Reise veranlasst? In seinen Notizen gibt es keinen Hinweis, dass die Fahrt länger geplant war. Nicht das kleinste Indiz dafür, dass sich Max überhaupt für Höhlen interessiert hätte. Doch nun war er – aus welchen Gründen auch immer – hier angekommen.

Die schwarzen Guides führen ihn durch die Gänge, die den Touristen damals üblicherweise gezeigt wurde. Nach 2 Tagen hat er das Standardprogramm gesehen und hätte eigentlich abreisen können. Doch die Höhle hat ihn in ihren Bann geschlagen. Er will mehr sehen von diesem gigantischen Labyrinth, auch die Gänge ausserhalb der touristischen Routen. Will dorthin, wo bislang nur wenige waren. Immer weiter hinein in den Berg, in neue, unbekannte Gänge, die vor ihm noch niemand betreten hat.

Der schwarze Höhlenführer Ed Bishop führt Max in einer mehrstündigen Klettertour in den hintersten Bereich der Höhle. Am Ende eines engen Canyons erreichen sie den Punkt, an dem einige Jahre zuvor ein Gast aus New York umgekehrt ist. Ein Schacht im Canyongrund versperrt hier den Weg.

Max und Ed klettern über das Hindernis hinweg und stossen auf eine tropfsteingeschmückte Kammer, von der aus weitere schwarze Öffnungen in unbekannte Fortsetzungen führen. "Gertas Grotte" nennt Max den hübschen Raum. 2 Tage später sind die beiden erneut in der Höhle, um ihre Entdeckung kartografisch festzuhalten. Spätestens jetzt ist der Ingenieur vom Höhlenvirus infiziert. Tag für Tag ist er nun mit Ed Bishop zeichnenden und vermessend unter der Erde unterwegs. Sein ehrgeiziges, fast unerreichbar scheinendes Ziel: er will die Mammoth Cave systematisch bis in die letzten Winkel erforschen und einen vollständigen Plan der grösste Höhle der Welt zeichnen.

In seinem Notizbuch vermerkt er in Stichworten an welchem Tag welcher Höhlenteil an die Reihe kommt. Max und Ed arbeiten schnell und präzise. Kilometer um Kilometer werden mit Massband und Kompass eingemessen. Max weiss, was zu tun ist: beim Militär hat er als Artillerieleutnant gelernt, mit Karten und Messpunkten umzugehen.

Die beiden müssen eine exzellente Kondition gehabt haben, denn der Weg in die hintersten Teile der Höhle war lang, sehr sehr lang. Sicherlich waren sie bei manchen Touren 24 Stunden und länger unter der Erde.

In seinem Hotelzimmer muss Max nächtelang am Zeichenbrett gesessen haben, um die Vermessungsdaten auf seine Karte zu übertragen. Doch bei alledem hat er noch Zeit für ein reges soziales Leben. Er wird zu Familienfeiern und Festen eingeladen und gibt sogar – von einer jungen Dame am Pianoforte begleitet – im Höhlenhotel ein Konzert, das in der Lokalpresse beifällig aufgenommen wird.

Der gutaussehende Gast aus Deutschland muss auch den höheren Töchtern der Gegend gefallen haben, denn sie scheuen sich nicht, ihn auf einigen seiner Höhlentouren zu begleiten. Max zeigt sich erkenntlich und verhilft Lida und Becky und Maymie zu ein klein wenig Unsterblichkeit, indem er Gänge nach ihnen benennt: Lidas Pass ... , Beckys Alley ... , Maymies Stoop ... .

Doch die Frau, die ihm offenbar besonders am Herzen liegt, lebt auf der anderen Seite des Atlantik: Gerta. Nach ihr hat er seine erste Entdeckung benannt. Und ihr Name markiert auch das Ende seiner Tagebuchnotizen:

"Nachricht von Gertas Verlobung" steht dort, in etwas verwischter Schrift. 3 Tage später bricht Max seine Aufzeichnungen ab.

Wer war diese Gerta?

Frau Kämper, die Schwiegertochter von Max, hat es herausgefunden:

"Die Gerta war eine Cousine, mit der er auch musiziert hat. / ... / Das waren wohl Jugendfreunde, also Verwandte und Jugendfreunde / .. / und wahrscheinlich hat er sie auch verehrt, nehme ich an. /