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Suche nach Max / Teil 7

Tod an der Somme

Bei Familie Kämper tauchen 3 Blechschachteln auf. Sie enthalten Negative. Sechs mal neun, offensichtlich aufgenommen im Ersten Weltkrieg. Wir können es kaum erwarten, die Abzüge aus dem Labor zu bekommen.

Durch unsere Recherchen ist uns Max inzwischen recht vertraut. Doch nun liegt fast ein Jahr seines Leben vor uns, gesehen durch seine eigenen Augen. Wir haben keine schriftlichen Zeugnisse von ihm aus dieser Zeit finden können. Doch was er in dieser Zeit sah, was er beachtete, was er für wert hielt, festgehalten zu werden, erzählt vielleicht mehr als eine Schachtel voller Briefe.

Der Abschied von Berlin: Gruppenfotos zeigen Familienmitglieder, sorgfältig für die Kamera aufgebaut. Die Damen wirken etwas beklommen, die Herren schauen ernst und entschlossen.

Eine Rednertribüne, viel Eichenlaub, eine Menge dunkel gekleideter Herren, die meisten mit Zylinder, viele in Uniform. Im Hintergrund der Brandenburger Dom. Das Reserve-Feldartillerie-Regiment No. 239 zieht in den Krieg. Die Geschütze werden auf Züge verladen. Vor dem Waggon baut sich die Einheit zu einem Erinnerungsbild auf.

Die Reise geht nach Osten. Max interessiert sich für die technischen Details der Reise, für Stellwerke und Bahnknotenpunkte, Geschützverladung und Lokomotiv-Typen.

In Polen beziehen Max und seine Kameraden in einem kleinen Dorf Quartier. Eine Ansammlung von Stroh gedeckten Holzhütten. Es ist bitter kalt, doch das tut der guten Stimmung offenbar keinen Abbruch. In der Wohnstube der Bauern haben es sich die Herren Offiziere beim Kaffee gemütlich gemacht. Draussen im Schnee sorgen die niederen Dienstgrade für Brennholz und kümmern sich um die Wäsche. Von Krieg, Anspannung, Angst ist auf den Bildern nichts zu spüren.

Der Frühling kommt und Max zieht gen Westen. Ein stattlicher französischer Bauernhof in den Vogesen wird als Quartier auserkoren und wieder ist wenig davon zu spüren, dass wir uns in der Mitte eines Weltkriegs befinden. Max fotografiert Felder und Wiesen, Kälber und Schweine. Lichtet sich selbst hoch zu Ross beim Ausritt ab. Wir sehen fröhliche deutsche Soldaten beim Spargelschälen und Kaninchenfüttern. Beim Kaffeetrinken unter Obstbäumen. Die ersten Orden werden mit Champagner begossen: der Krieg – ein grosses Vergnügen.

Max lässt die alte Bäuerin neben dem gusseisernen Herd fürs Foto posieren und richtet seine Linse auf die jungen Mädchen beim Heumachen. Kokett schaut eine der Schönen unter ihrem grossen Strohhut zu Max hinüber – nur der uniformierte Aufpasser im Hintergrund erinnert daran, dass Krieg herrscht.

Ein neuer Schauplatz. Max wird nach Nordfrankreich versetzt. An der Somme tobt seit einigen Wochen ein blutiger Stellungskrieg mit hunderttausenden von Opfern auf beiden Seiten. Die deutsche Kriegsführung hat die Order ausgegeben, gegen die anstürmenden Franzosen und Engländer die Stellungen zu halten, koste es, was es wolle. Immer neue Einheiten werden an die Front geschickt.

Ingenieure wie Max sind wichtig in diesem Krieg. Ihre Kanonen, ihre Panzer, ihr logistisches Geschick sollen die Entscheidung bringen. All ihre Ingenieurskunst wird nun eingesetzt, um in industriellem Massstab zu töten.

Max erlebt das wahre Gesicht des Krieges. Er fotografiert Granatentrichter und Gräberfelder, zerstörte Bauernhäuser und zerschossene Kirchtürme, verwundete Kameraden.

Ob Max seine Erlebnisse in Briefen festgehalten hat wissen wir nicht. Doch rechts und links von ihm gab es etliche, die das Grauen in Worte fassten:

"Die Höhe 60 wird vom Engländer in die Luft gesprengt, die 3 Mann der Beobachtung mit vielen, vielen anderen sind dabei umgekommen, estickt, begraben, zerschmettert. In allen Richtungen zucken ununterbrochen die Hexenflammen der Einschläge und Abschüsse auf. Der Mensch des Jahrhunderts, der Mensch der Technik, hat eine neue Sintflut heraufbeschworen mit bleigrauen Hagelgüssen, flammenden, rauchenden stiebenden und krachenden Fontänen, mit tödlichen Blitzen und ununterbrochenem Donnern. Und mit Menschen, die auf Eisenbahnzügen und Schiffen herangefahren kamen, um manchmal nur Augenblicke in diesem verlorenen Klima zu atmen. Der Erde wachsen stündlich zehntausende neuer Mäuler, deren scharfe Zähne blitzen und Menschen zerreissen. Ihr zerrissener, häßlicher Mantel bekommt unzählige, kostbare, scharlachrote Tropfen."

Die Kämpfe rund um die von Max befehligten Geschützstellungen werden heftiger. Max fotografiert nun vor allem seine Kameraden. Von Bild zu Bild werden die Gesichter ernster, trauriger, teilnahmsloser. Eines der letzten Bilder zeigt ihn selbst im Schützengraben, aufgenommen mit dem Selbstauslöser. Zwischen hoch aufragenden Erdwänden steht Max im weiten Uniformmantel, das Gesicht unter dem Stahlhelm kaum zu erkennen, hoch über ihm trohnt ein Berg von Artillleriemunition. Er hatte noch Zeit, dieses Bild irgendwo in einem Unterstand zu entwickeln und sorgfältig in einer Blechschachtel zu verstauen. Später, nach dem Krieg, würde er sicher Zeit finden, seine fotografischen Kriegserinnerungen zu vergrössern, so mag er gedacht haben. Doch dazu kam es nicht mehr. Ein Volltreffer riss ihn am 10. November 1916 aus dem Leben.

Das vergilbte Foto eines Grabes, im selben Umschlag die zerfallenden Reste einer getrockneten Blume. Für Elsbeth Kämper brach mit dem Tod ihres Mannes eine Welt zusammen. Wie oft mag sie dieses Bild angesehen haben, die Briefe gelesen haben, in denen das Unfassbare geschildert wurde?

Frau Kämper:

"Das sind die Kondolenzbriefe, die sein Vater gekriegt hat, wie er gefallen ist. /../ Was schreibt er hier /../ Voll Trauer und betrübt dass sein hochverehrter Batterieführer, sein gütiger und tüchtiger Freund Oberleutnant Kämper, der Sohn von seiner Exzellenz am 10. mittags mit noch 2 anderen Batterieführern im Unterstand einer anderen Batterie durch Volltreffer verschüttet und getötet worden sei. Also das schreibt ein ... also mein Jüngster, der ja auch ihr Pflegebefohlener war schreibt uns heute /../ seine Leiche hätten sie gestern nacht geborgen. Helmut, der mit seinem Chef zusammen in dieser Woche den Dienst in der Batterie hatte, während die anderen in Ruhestellung waren, hat sofort Leute hingeschickt, die ihn ausgraben sollten. Aber er war nicht meht zu retten. Er sei sofort tot gewesen. Ausserdem sei die Trümmerstätte noch voll von giftigen Gasen gewesen. // Helmut schreibt noch, der Tod des Herrn Oberleutnant sei ein schwerer Schlag für die Batterie. Er sei wie ein Vater zu seinen Leuten gewesen und riesig beliebt."

Wir machen uns auf den Weg, das Grab zu finden. Die Dame in der Touristen-Information in Arras glaubt sich verhört zu haben, als wir uns nach den deutschen Kriegsgräbern erkundigen. "Vous êtes des allemands? – Sie sind Deutsche?" Das habe sie noch nie erlebt. Engländer, Kanadier, sogar Australier kämen, um die alten Friedhöfe zu besuchen. Aber Deutsche? Vielleicht genieren sie sich, meint sie.

Ein junger französischer Historiker, der mit einer für uns schon etwas unheimlichen Begeisterung die Details des "Grossen Krieges" erforscht, weist uns den Weg zu der grössten deutschen Gräberanlage. Präzise ausgericht stehen endlose Reihen weisser Kreuze auf einer gepflegten Rasenfläche. Auf jedem Kreuz drei Namen, drei Todesdaten. Jung sind sie gestorben, viele wurden gerade 18, 19 Jahre alt. Ein Denkmal mahnt die Lebenden und versichert, dass der Tod der hier Bestatteten nicht vergebens gewesen sei. Wenn man denen, die hier liegen, schon zu Lebzeiten einen ähnlichen Respekt entgegengebracht hätte ..

Der Gärtner bringt uns einen dicken Katalog. In langen Listen ist nachzuschlagen, wer wo seine letzte, endgültige Ruhe gefunden hat. Wenig später stehen wir an Max Kämper´s Grab. Ein weisses Marmorkreuz, überschattet von hohen Bäumen auf dem Soldatenfriedhof von Cambrai. Unsere Suche nach Max hat ihre letzte Station erreicht.


Im Mammoth Cave National Park hat Chuck das Bild von Max im Aufenthaltsraum der Ranger aufgehängt. Vor allem die Höhlenführerinnen schauen immer wieder gern hin. Ein so gutaussehender Mann ...

Rick, der Biologe, hat das Bild von Gerta über seinen Schreibtisch gehängt. Kein Wunder, dass Max von ihr so angetan war, meint er.

Familie Kämper plant für den nächsten Sommer eine Amerikareise. Klaus, der Enkel von Max, will sein Cello mitnehmen. An vielen Orten ist er schon aufgetreten. Doch ein Konzert in der Mammoth Cave als Hommage an seinen Großvater, das wäre etwas ganz Besonderes ...

Nachtrag

Im Oktober 2000 besichtigten drei Enkel von Max und seine Schwiegertochter die Mammoth Cave. Sie verbrachten einige wunderbare Tage mit Chuck, Rick und Stan, die ihnen die Orte zeigten, die 92 Jahre zuvor Max Kämper als Erster gesehen und vermessen hatte.